Kommentar

Keine Segnung homosexueller Paare - Cancel culture aus dem Vatikan

von Martin Schockenhoff

Alljährlich vor dem Stephansdom in Wien wird hartes Brot gesegnet, das dann an die Fiakerpferde verfüttert wird, die ebenfalls gesegnet werden. Auch die Kutschen der Fiaker werden gesegnet, die Fiaker selbst natürlich auch. Besonders beliebt sind Fiakerfahrten bei Hochzeitspaaren. Auch sie fahren mit kirchlichem Segen, kommen sie doch frisch vom Brautsegen aus der Kirche.

Was aber, wenn ein homosexuelles Paar die Kutsche besteigt? Sie müssen auf den Segen verzichten, jedenfalls nach dem Willen des Präfekten der Glaubenskongregation, Luis Kardinal Ladaria. Oder, um genau zu sein: Die beiden Partner dürfen einzeln gesegnet werden, sofern sie ernsthaften Willen bekunden, abstinent zu leben, aber ihre partnerschaftliche Beziehung darf nicht gesegnet werden.

Dass die Glaubenskongregation sich damit in Widerspruch zur allgemeinen gesellschaftlichen Akzeptanz der Homosexualität stellt, dürfte ihren Präfekten kaum beeindrucken; der Zeitgeist war für die Kirche noch nie verbindlich. Auf die Erkenntnisse der Psychologie und der Medizin, die in der Homosexualität weder eine Krankheit noch etwas Widernatürliches und auch keine selbstgewählte Neigung sehen, geht die Glaubenskongregation gar nicht erst ein. Aber eines wird man von der Glaubenskongregation verlangen dürfen: dass sie sich an ihren eigenen Argumenten messen lässt.Welches sind die Argumente der Glaubenskongregation?

An erster Stelle heißt es in der „Erläuternden Note“ des Präfekten vom 22. Februar 2021, die sexuelle Verbindung gleichgeschlechtlicher Personen widerspreche den Plänen Gottes, die „in die Schöpfung eingeschrieben und von Christus dem Herrn vollständig offenbart“ seien. Leider bleibt der Präfekt den Nachweis schuldig, dass homosexuelle Verbindungen der Schöpfung widersprechen. Zwar können wir in der Bibel lesen, dass Gott den Menschen als Mann und Frau schuf (Gen 1, 27), aber nicht, dass er die Verbindung von gleichgeschlechtlichen Paaren verbot. Jesus hat sich zu homosexuellen Verbindungen überhaupt nicht geäußert. Das Verbot gleichgeschlechtlicher Verbindungen stammt weder aus dem Schöpfungsbericht noch von Jesus, sondern vom Lehramt. Kardinal Ladaria hat offenbar nicht den Mut, dies zuzugeben, denn dann müsste er andere Argumente liefern. Er müsste sich mit den Erkenntnissen der Humanwissenschaften und mit dem Thema Menschenwürde auseinandersetzen. Indem er behauptet, es handele sich um ein göttliches Verbot, macht er sich immun gegen Argumente.

Aber der Präfekt hat noch ein zweites Argument: Die Kirche verfüge nicht „über die Vollmacht, Verbindungen von Personen gleichen Geschlechts … zu segnen“. Was ist von diesem Argument zu halten? Andernorts verkündet die Amtskirche, dass jeder Mensch segnen darf, und dass fast alles gesegnet werden kann. Nicht nur das harte Brot und das Pferd und die Kutsche und der Fiaker auf dem Stephansplatz werden gesegnet, auch Adventskränze, Motorräder, Fahnen, Balkonpflanzen und Tiere aller Art. Auf den Webseiten der Deutschen Bischöfe findet man Anleitungen für Laien für Segensfeiern zu Hause. Von einer Vollmacht ist darin nicht die Rede. Folglich können Segenshandlungen auch nicht wegen fehlender Vollmacht verboten sein. Der Präfekt der Glaubenskongregation suggeriert ein Vollmachtserfordernis, das es gar nicht gibt. Deshalb überzeugt auch sein zweites Argument nicht.

Sicherlich, bestimmte Segnungsriten bindet die kirchliche Tradition an Amtsträger. Den apostolischen Segen kann nur der Papst erteilen, den Taufsegen nur der Priester. Für die Segnung homosexueller Paare gibt es keine exklusive Zuständigkeit von Amtsträgern. Deshalb bleibt es bei dem Grundsatz: jedermann kann segnen!

Der Präfekt der Glaubenskongregation führt noch ein drittes Argument an: Er befürchtet, dass die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare „in gewisser Weise eine Nachahmung oder einen analogen Hinweis auf den Brautsegen darstellen würde“. Mit anderen Worten: Er befürchtet, dass die Segnung homosexueller Paare mit der Trauung heterosexueller Paare verwechselt und dadurch das Sakrament der Ehe verwässert wird.

Dieses Argument ist immerhin nachvollziehbar: Niemand wird in Frage stellen, dass das Sakrament der Ehe hohe Bedeutung hat. Man darf Priestern oder Laien, die homosexuelle Paare segnen, aber nicht unterstellen, dass sie das Sakrament der Ehe gefährden oder verwässern möchten. Die Segnung ist kein Trauungszeremoniell, sie stellt auch kein Sakrament nach kirchlichem Verständnis dar. Das Ehesakrament spenden sich die Eheleute gegenseitig, der anwesende Priester assistiert nur. Die Segnung beansprucht keinen Gleichrang mit dem Ritus der Eheschließung.

Dies müsste dem Präfekten der Glaubenskongregation eigentlich einleuchten, denn er hat einen Sinn für feine Unterscheidungen: So heißt es in seiner Erläuternden Note, dass „Segnungen einzelnen Personen mit homosexueller Neigung gespendet werden [dürfen], die den Willen bekunden, in Treue zu den geoffenbarten Plänen Gottes zu leben“. Nach Meinung von Kardinal Ladaria ist es also erlaubt, die beiden homosexuellen Partner jeweils einzeln zu segnen, sofern jeder von ihnen verspricht, enthaltsam zu leben. Nur ihre „Verbindung“ darf nicht gesegnet werden.

Das muss man erst einmal verstehen. Etliche deutsche Domkapitulare und Priester verstehen es offenbar nicht, denn sie haben bereits öffentlich bekundet, dass sie weiterhin homosexuelle Paare segnen werden. Das ist dann wieder eine gute Nachricht.

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Initiative pro concilio e.V.

Reformgruppe in der Diözese Rottenburg-Stuttgart

Über uns

Wir trauern um Hans Küng

Wir trauern um den großen Theologen Hans Küng!

Hans Küng ist einer der geistigen Väter unserer Initiative. Er hat sich lebenslang beharrlich für eine Erneuerung der  Katholischen Kirche, eine zeitgemäße Verkündigung der christlichen Botschaft, für Ökumene und den Dialog der Weltreligionen eingesetzt, die auch unsere Ur-Anliegen sind. Sein Anliegen ist und bleibt aktuell: "Der biblische Jesus Christus hat die Päpste beim Ausbau ihrer Macht gestört und wurde durch ein selbstfabriziertes Kirchenrecht verdrängt". Für uns bleibt sein Anliegen Ansporn und Ermutigung zugleich.

Es gibt uns noch! Leider werden auch wir von Corona ausgebremst.

Viele Reforminteressierte fragen, ob es uns noch gibt. Ja klar! Unsere Konzilsidee ist aktueller denn je. Auch im ZdK wird inzwischen immer mehr ein neues Konzil der Weltkirche für notwendig gehalten, so auch ZdK-Präsident Sternberg: Immer mehr drängt auf ein Konzil hin. Nur ein solches Konzil kann die not-wendigen Reformen unserer Kirche entwickeln und beschließen. Diese Reformideen sind nicht auf Deutschland beschränkt, wie einige glauben machen wollen, sie tauchen inzwischen weltweit auf. Unser 'Konzil von unten' möchte einen fundamentalen Basisbezug modellhaft demonstrieren. Dazu brauchen wir die Kirchengemeinden/Kirchengemeinderäte und die Verbände. Da coronabedingt derzeit in den Kirchengemeinderäten und Verbänden nur ein Notprogramm online läuft, bremst das unsere Konzept des Basisbezugs erheblich aus. Aus diesem Grund mussten wir unseren Konzilstag schon zweimal verschieben. Wir möchten und können den Basisbezug jedoch nicht aufgeben, sonst verdient unser 'Konzil von unten' seinen Namen nicht. Corona wird voraussichtlich im Sommer 2021 überwunden sein. Im September 2021 werden die Kirchengemeinderäte und Verbandsgremien wieder loslegen können, dann wird auch unsere Aktion wieder aktiviert. Im Herbst 2021 werden wir auf alle Kirchengemeinden und Verbände zugehen und das 'Konzil von unten' am 12.03.2022 in Rottenburg vorbereiten.

News vom Leitungsteam pro concilio

  Das Leitungsteam verurteilte auf seiner Sitzung am 18.03. aufs schärfste das vom Vatikan erlassene Nein zur Segnung von homosexuellen Paaren. Die Mitgliederversammlung, die am 14. November 2020 hätte stattfinden sollen, aber wegen der Corona-Maßnahmen abgesagt werde musste, kann auch im Frühjahr dieses Jahres nicht abgehalten werden. Sie soll im Herbst als Präsenzveranstaltung einberufen werden. Das 2018 gewählte Leitungsteam bleibt bis dahin im Amt. Das ist aus juristischer Sicht rechtens. Das Leitungsteam beschloss, sich am Katholikentag, der vom 25. -29. Mai 2022 in Stuttgart sein wird, mit einer Podiumsdiskussion im Nachgang zum Konzilstag, mit einer Veranstaltung am Jakobsbrunnen der Kirchenreformbewegung Wir-sind-Kirche sowie mit einem Stand auf der Kirchenmeile zu beteiligen.

Wollte Jesus Priesterinnen?

Nein! Er wollte aber auch keine Priester. Zumindest deuten die Evangelien nichts Entsprechendes an.

Ein Gastbeitrag von Ariel Alvarez-Valdés und unserem Mitglied Pfarrer Wolfgang Gramer.


 

Die Aktion ist im November 2019 mit drei Auftaktveranstaltungen in Stuttgart, Ravensburg und Heilbronn gestartet.

Es folgen weitere Einzelveranstaltungen in Kirchengemeinden und Dekanaten.

Ab Mai 2020 gibt es einen Newsletter der Aktion "Konzil-von-unten".

Newsletter 'Konzil von unten'

Es gibt Unterstützerlisten für Kirchengemeinden und Verbände sowie für kirchliche Gruppieren aller Art.

Weitere Informationen unter:

www.konzil-von-unten.de

Konzil von unten: Konzilstag vom 07.11.2020 auf den 12.03.2022 verlegt!

Die Corona-Krise macht auch vor unserer Aktion 'Konzil von unten' nicht Halt. Schweren Herzens mussten auch wir unsere Planung ändern. Der für 07.11.2020 geplante Konzilstag in Rottenburg wurde zunächst auf den 30.10.2021 verlegt, nun abermals auf den 12.03.2022, ebenfalls in Rottenburg. Zum Wesentlichen unserer Aktion gehört der Basisbezug, alles soll letztlich von den Kirchengemeinden und Verbänden sowie kirchlichen Gruppierungen ausgehen. Die Aktion braucht deshalb die Kirchengemeinderäte und Verbandsgremien, sonst wird sie ihrem Anspruch nicht gerecht. An ein normales Arbeiten der im März 2020 neu gewählten Kirchengemeinderäte sowie der Verbandsgremien ist vor September 2021 nicht zu denken - wenn überhaupt. Ein Konzilstag mit Abstandsregeln macht wenig Sinn. Wir bitten für die Verlegung um Verständnis. Im Laufe des Jahres 2021 gehen wir nochmals auf die Kirchengemeinderäte und Verbände zu.

Erfolgreiche und viel beachtete Aktion des BDKJ: "Love is no sin"

Vor vielen Kirchen wurden vom BDKJ am Sonntag 21.03.2021 bunte Fahnen und Pflastermalereien angebracht, als Protest und Gegenposition zum neuesten unsäglichen vatikanischen Papier zur Segnung homosexueller Paare. Hier ein Bild vom Rottenburger Dom.