Archiv: Impuls zur Woche

An dieser Stelle dokumentieren wir die letzten drei Beiträge aus der Reihe "Impuls zur Woche":

Impuls zur Woche

Plädoyer für Paulus-, Korinth- und Matthiaspriester!

In letzter Zeit ist innerkirchlich das sogenannte Lobinger-Modell wieder ins Gespräch gekommen. Darunter versteht man einen Vorschlag von Bischof Fritz Lobinger, Südafrika, und Prof. Paul M. Zulehner, Wien, wie man aus der Krise des Priestermangels herauskommen kann. Der herkömmliche Priestertyp soll durch einen zweiten Priestertyp ergänzt werden. Beide Typen kommen in der frühkirchlichen Gemeindeordnung von Korinth vor. Von daher werden die beiden Typen „Pauluspriester“ und „Korinthpriester“ genannt. Während die ersteren nach wie vor aus der Gruppe der ehelosen, akademisch gebildeten Männer kommen, sollen ehrenamtliche, in der Regel verheiratete „Korinthpriester“ von den Gemeinden, zu denen sie gehören, bestellt und vom Bischof in ein gemeindliches Presbyterium hinein geweiht werden. Sie stehen der Eucharistiefeier vor und leiten, ggf. auch als Team, die Gemeinde.

So weit, so gut. Kritisch sehe ich, dass Frauen in beiden Formen auf unbestimmte Zeit ausgeschlossen sind und grundsätzlich zu wenig von der Berufung her gedacht wird. So bleiben hauptberufliche Pastoral- und Gemeindereferenten außen vor. Darunter gibt es aber auch welche, die zum priesterlichen Dienst berufen sind. Ich plädiere dafür, dass das Lobinger-Modell um den Typ „Matthiaspriester“ erweitert wird. Statt Losverfahren soll neuzeitlich ein vom Bischof beauftragtes Gremium die Authentizität der Berufung prüfen. Liegt sie vor, kann der Bischof die Betreffenden zu „Matthiaspriestern“ weihen und damit die Schar der „Pauluspriester“ komplettieren.

(11. Juli 2016, Wolfgang Kramer)

Impuls zur Woche

Selig, die arm sind vor Gott

Mit der Parole „Wohlstand für alle“ buhlen die Parteien um die Gunst der Wähler. Fast ausnahmslos sind wir dabei, unseren Wohlstand zu sichern und zu mehren. Auch wir Christen. Wir reden von Gott, beten zu Gott und hängen am Geld. Das etwa ist gemeint, wenn man den Schwaben nachsagt, bei ihnen läge das Sparkassenbuch mit dem Gesangbuch in derselben Schublade. Kurz: Erfolg, Besitz, Wohlstand beherrschen so sehr unser Leben, dass wir ihnen vieles andere opfern – um den Preis der Verhärtung unseres Herzens.

Seit dem Konzil und dem Katakombenpakt ist die Option für die Armen eine feste Größe in der Kirche. Papst Franziskus hat diese Option ergänzt: die Kirche selber solle arm sein. Eine Kirche der Armen für die Armen. Doch kann die Kirche es sich leisten, arm zu sein? Kann sie etwa hierzulande auf die hohen Kirchensteuereinnahmen verzichten? Um welchen Preis? In der Bibel lesen wir: „Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt.“ (Mk 10,25) Arme haben es also leichter. Aber sollen wir denn alle arm werden, um reichgotteswürdig zu werden?

Armut hat viele Gesichter. Wir müssen wenigstens vier Formen unterscheiden. Da gibt es zum einen die Armut der Sünde, die Armut vor der Bekehrung. In diesem Zustand ist der Mensch spirituell völlig leer, gottfern. Er wird von Egoismus, Neid, Hass, Gewalt beherrscht. Eine zweite Form ist die Armut unterdrückter Menschen. Sie haben zu wenige Mittel, um wirklich menschenwürdig zu leben. Über 30 000 Kinder sterben täglich an Unterernährung! Neben diesen beiden negativen Formen stehen zwei positive. Da ist die Armut eines einfachen und bescheidenen Lebens, das zum Teilen bereit ist. Die vierte Form ist die tiefe Einsicht in die eigene Begrenztheit und Schwachheit und das Vertrauen, alles in die Hand Gottes zu geben. Kaum ein anderer hat diese Gesichter der Armut intensiver gekannt, selbst durchlitten, freiwillig auf sich genommen und ist dabei zu höchster Reife gelangt als Franz von Assisi. Er lebte, als hätte er das große Los gezogen, als wäre Armut nicht Last, sondern Auszeichnung, Quelle des Glücks und Sprungbrett in die große Freiheit. Er hat die Nachfolge Jesu gelebt ohne allen Krampf und ohne jede Spur saurer und grimmiger Moral. Mit beiden Beinen stand er schon mitten im Reich Gottes der Verheißung. Mit „Selig, die arm sind vor Gott“ (Mt 5,3) beginnt die Bergpredigt. Diese Verheißung gilt uns allen.

(18. Juli 2016, Wolfgang Kramer)

Impuls zur Woche

Die Welt ist aus den Fugen. Was hilft?

In den letzten Monaten, Wochen und Tagen wurden wir in immer kürzeren Abständen mit Terroranschlägen und Amokläufen konfrontiert. Viele Tote, Schwerverletzte und Verletzte an Leib und Seele waren und sind zu beklagen. Unermessliches Leid kam über die Betroffenen. Und in der Gesellschaft steigt der Angstpegel von Tag zu Tag. Wohin sind wir gekommen?

In den Medien ist viel gesagt und geschrieben worden. Mir ist aufgefallen, dass wenig über die geistigen Hintergründe reflektiert wurde. Dabei sind hier die wahren Ursachen zu finden. Zwar entwickelte sich, als Hunderttausende Flüchtlinge ins Land kamen, eine begrüßenswerte Willkommenskultur. Aber diese reicht nicht aus, um eine Wende herbeizuführen. Die Gesamtsituation ist so komplex, dass soziales Engagement und einfache Lösungen im politischen Bereich nicht ausreichen.

Gefordert ist eine Hinwendung zu den geistigen Grundlagen unserer Verfassung und unserer Geschichte. Und die sind nun einmal in der christlichen Religion zu finden. Fakt ist aber auch, dass dieser Glaube in unserer Leistungs-, Wohlstands- und Eventgesellschaft immer mehr verdunstet ist. Dafür gibt es eine Vielzahl von Gründen. Für jeweils ein ganzes Bündel sind die beiden großen Kirchen hierzulande verantwortlich, weil sie nicht bereit oder fähig sind, echte Reformen anzupacken. So wabert in der Katholischen Kirche z.B. seit 50 Jahren eine Zölibatsdiskussion durch die immer priesterärmeren Diözesen, die sich für aufgeweckte, der Zukunft zugewandte Jugendliche als mittelalterlich anmutet. Wenn Kirchenleitungen sagen, dass diese Diskussion „unzeitgemäß“ sei, haben sie ja recht. Aber sie verschweigen die Wahrheit, dass man Lösungen schon vor 50 Jahren hätte finden müssen. Tausende von berufenen und qualifizierten Priestern sind seither der Kirche und vor allem der Verkündigung der Frohen Botschaft verloren gegangen. Wer kann das verantworten in einer Zeit, in der die Kraft des Evangeliums und der entsprechende Einfluss der Kirche auf gesellschaftliche Entwicklungen mehr denn je gefordert sind?

Es ist höchste Eisenbahn, dass die Kirche sämtliche Berufungen von zölibatär lebenden wie von verheirateten Männern und Frauen ernst nimmt, dass sie ihre Morallehre mit den Erkenntnissen der Humanwissenschaften in Einklang bringt und dass sie in den Bemühungen um die von Christus geforderte Einheit aller Christen sichtbare Fortschritte macht. Ein solcher Prozess wäre eine Antwort auf die aus den Fugen geratene Welt.

(25. Juli 2016, Wolfgang Kramer)

Impuls zur Woche

Aus aktuellem Anlass der Heiligsprechung von Mutter Teresa:

Das Leben ist kostbar, geh sorgsam damit um.
Das Leben ist ein Reichtum, bewahre es.
Das Leben ist Liebe, genieße sie.
Das Leben ist Rätsel, löse es.
Das Leben ist Versprechen, erfülle es.
Das Leben ist Traurigkeit, überwältige sie.
Das Leben ist ein Lied, sing es.
Das Leben ist ein Kampf, nimm ihn auf.
Das Leben ist eine Tragödie, stell dich ihr.
Das Leben ist Abenteuer, wage es.
Das Leben ist Glück, behalte es.
Das Leben ist kostbar, zerstöre es nicht.
Das Leben ist Leben, erkämpfe es dir.

Mutter Teresa

 

 

Impuls zur Woche

Franziskus zeigt uns den Weg

Der 4. Oktober ist jedes Jahr ein Festtag für mich. Es ist der Gedenktag des Franz von Assisi. Ich liebe ihn mehr als alle anderen Heiligen. Schon seit Jahrzehnten lasse ich mich von seiner faszinierenden Persönlichkeit, seiner authentischen Frömmigkeit und seinem konsequenten Handeln inspirieren. Mehr und mehr geht mir auf, dass er zu seiner Zeit und durch die Jahrhunderte hindurch suchenden Menschen bis heute in einzigartiger Weise den Weg in die Nachfolge Christi gezeigt hat, indem er ohne Wenn und Aber ein Jünger Jesu war. Er hat Jesus nicht kopiert, sondern ist, dem inneren Anruf Gottes gehorsam und am Leben und Schicksal Jesu Maß nehmend, seinen eigenen Weg gegangen, gestärkt durch die Gegenwart Jesu in seinem Herzen.

Die Bedeutung, die er für die Kirche und weit darüber hinaus hatte und hat, kann nicht groß genug eingeschätzt werden. Als Mahner, wenn es um den Erhalt der bedrohten Schöpfung geht, ist er unverzichtbar. Als Friedensstifter ist ihm in vielen Streitfällen, auch im Verhältnis zum Islam, gelungen, wozu heutige Diplomatie nicht in der Lage zu sein scheint. Die freiwillig gelebte Armut, das Sich-Lossagen von allem Habenwollen und Besitzdenken war für ihn der Schlüssel für die Erfahrung des Reiches Gottes. Ich vermute, er ist es auch heute noch.

Wenn heute die Erneuerung der Kirche ganz oben auf der Agenda steht, hat Franziskus Wesentliches beizutragen. Die Option für die Armen in einer sich materiell bescheiden gebenden Kirche ist heute mehr denn je vonnöten. Dass jedes Erneuerungsvorhaben mit der eigenen, ganz persönlichen Umkehr beginnen muss, ist auch unbestreitbar. Ohne Glaubwürdigkeit geht gar nichts. Wichtig für heute ist zu sehen, dass die Spiritualität des Franziskus im öffentlichen Raum und nicht hinter Klostermauern gelebt wurde. Ganz nahe am Menschen. Dass Franziskus trotz allem Missverstehen, trotz vieler Anfeindungen der Kirche treu geblieben und buchstäblich zur Hintertür wieder hereingekommen ist, als ihn der Papst aus dem Palast warf, ist ein klares Signal für alle, die sich einen „Kirexit“ überlegen. Die sakramentale Struktur der katholischen Kirche hat er nie in Frage gestellt. In seinem spontanen und kreativen Denken und Tun konnte alles zum Sakrament der wirkkräftigen Gegenwart Gottes werden.

Dass Franziskus Laie war und Laie blieb, verstehe ich als ein Zeichen dafür, dass er dem Allgemeinen Priestertum mit entsprechendem Machtverzicht mehr Bedeutung zusprach als einem klerikalen Amtsverständnis mit ausgeprägtem Standesdünkel. Es geht ums Jünger- und Jüngerinsein.

Und dass der Titel des Kommentars auch auf eine weitere Person gemünzt sein kann, ist ein Glücksfall für die gegenwärtige Situation der katholischen Weltkirche.

(3. Oktober 2016, Wolfgang Kramer)

 

 

Impuls zur Woche

Beten - aber wie?

Hans Küng ist einmal vorgeworfen worden, in seinem Hauptwerk „Christ sein“ stehe nichts zum Thema Gebet. Wie dem auch sei: Theologen auf hohem wissenschaftlichen Niveau tun sich schwer, sich auf der persönlichen und spirituellen Ebene von Meditation und Gebet zu äußern. Man fürchtet um sein Renommee als Wissenschaftler. Dabei müssen sich beide Ebenen gar nicht ausschließen. Im Gegenteil! Wahres Beten ergreift den ganzen Menschen, auch seinen Verstand, seine Vernunft, seinen realistischen Blick auf die Dinge des Alltags und der gesellschaftlichen Wirklichkeit.

Das Gebet ist das Spontanste, was der Mensch tut, wenn er in seiner Existenz bedroht ist. Wenn der Mensch nach dem Wesentlichen greift, weil er in Gefahr ist, es zu verlieren, tritt er ein in die Sphäre des Gebets. Wahres Beten verlangt von ihm eine Innerlichkeit und Sammlung, die er nur erlangen kann, wenn Schweigen und Ernsthaftigkeit zu den Grundmustern seines Lebens gehören. Das Gebet verträgt sich nicht mit der alltäglichen Zerstreuung, es verlangt geistige Konzentration und kritische Selbstbesinnung.

Es gehört nicht notwendig zum Gebet, dass Gott darin genannt wird. Jedes ernste Suchen nach dem Sinn meines Lebens ist Gebet. Jetzt verstehe ich auch den Bibelvers: „Betet ohne Unterlass!“ (1 Thess 5,17). Das Gebet, ob Wort oder Schweigen, ist im Wesentlichen der Ausdruck des menschlichen Seins. Alle Formen sind für das Gebet gut, wenn sie durch das Bei-sich-Sein des Menschen geheiligt sind. Vorgefertigte und nur aufgesagte Gebete führen nicht zum wahren Gebet. Das Gebet wird vor allem deswegen in Worte gefasst, dass es von dem gehört wird, der es spricht.
Hier ein Versuch:  

Nach deinem Bild, Herr, hast du mich geschaffen, einzigartig ist mein Dasein.
Dein Anruf an mich erfüllt mein Leben ganz.
Lass mich hellhörig werden für deine Stimme, dass ich nach innen wachse und reife – dir entgegen,
dass ich für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung deiner Schöpfung eintrete.
Gib mir ein waches Herz, dass ich das Ewige im Zeitlichen entdecke
und bereit werde zum geheimnisvollen Übergang des Todes – im Einklang mit mir selbst.
Lass mich bei dir zu Hause sein, Herr, mit all meinem Tun und Lassen, mit meinem ganzen Sein.
Amen.

(10. Oktober 2016, Wolfgang Kramer)

 

 

Impuls zur Woche

Gott in Jesus finden

An der Frage nach Gott kommt niemand vorbei. Es sei denn, er oder sie verbleibt an der Oberfläche, lässt sich ausschließlich von gesellschaftlichen Erwartungen bestimmen oder lebt einfach in den Tag hinein. Wie aber Gott finden? Existiert er? Greift er in mein Leben und in die gesellschaftliche Wirklichkeit ein? Was können wir von ihm aussagen? Wie mit ihm kommunizieren?

Darüber sind Hunderte von Büchern geschrieben worden. Von Philosophen und Theologen, von Atheisten, Humanisten und Ideologen aller Couleur. Christen haben das Privileg, den Zugang zu Gott über Christus zu finden. Er ist das Antlitz Gottes. „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen.“ (Joh 14,9). Also muss erst mal Jesus entdeckt werden. Für seine Jünger damals war das erst nach seinem Tod möglich. Durch die Leere, die er verursachte, sprengte er die Grenzen des eigenen Ichs. Jetzt konnten sie sich besser von sich selber lösen. Durch die Erfahrung seiner Auferstehung und das Wirken des Geistes erkannten sie, dass er „von Gott“ ist. Und ihr Glaube versetzte Berge…

Täuschen wir uns nicht: wir kennen Jesus in seiner Größe und Tragweite viel zu wenig. Unsere Kenntnis von dem, was im NT steht, ist zu dünn. In den letzten Monaten habe ich täglich ein Kapitel in den Schriften des NT gelesen. Einiges war völlig neu für mich, vieles habe ich mit meiner Lebenserfahrung erst jetzt verstanden. Aufschlussreich für mich war neben den Kernaussagen und dem unvergleichlichen Handeln Jesu auch all das, was zwischen den Zeilen herausleuchtet: die Einsicht, dass nicht das, was sie sich über ihren Meister durch Nachdenken erwarben, sondern was Ihnen seine unmittelbare Nähe als lebendige Erfahrung mitteilte, sie zum Glauben brachte.

Je mehr man Jesus entdeckt, indem man sich selber in seinem Menschsein entdeckt und sich seiner eigenen Sendung hingibt, umso besser versteht man die Notwendigkeit seiner Ankunft und umso mehr erkennt man auch die Tiefe des Geheimnisses, das den Menschen mit Gott verbindet. Der innere Weg, der zum Glauben an Jesus führt, muss den Weg der ersten Jünger zum Vorbild nehmen. Bei Jesus sein, bei einigen seiner Jünger sein, bei sich selber sein, das gehört also zusammen. Auf dem Weg Jesu seine Gegenwart bewahrend, im erinnernden Miteinander mit den Jüngerinnen und Jüngern, damals und im Laufe der Geschichte, und im Durchgang durch sich selbst finden wir Gott, nehmen wir teil an seinem Sein.

Und die Kirche? Ihre Hauptaufgabe besteht darin, diesen Weg zu fördern und zu begleiten – in zeitgemäßen Formen und Strukturen.


(17. Oktober 2016, Wolfgang Kramer)

 

 

Impuls zur Woche

Martin von Tours - ein alternatives Glaubens- und Lebensbeispiel für heute

 

Jedes Jahr ziehen Kinder am 11. November mit ihren Laternen singend durch die Straßen zu Ehren eines Mannes, der vor 1700 Jahren in Ungarn geboren wurde. Es ist der Heilige Martin von Tours. Doch wer ist dieser Mensch, den bis heute Christen konfessionsübergreifend verehren?

Alles Verlässliche, was wir von ihm wissen, erfahren wir von Sulpicius Severus um das Jahr 420. Die meisten haben wahrscheinlich, wenn sie den Namen Martin von Tours hören, die Szene im Kopf, wie Martin als noch ungetaufter römischer Soldat in Amiens während eines eiskalten Winters die Hälfte seines gefütterten Mantels mit einem frierenden Bettler teilt. In der darauffolgenden Nacht, so Sulpicius, erschien ihm Christus mit jenem Mantelteil, was an die Aussage Jesu im Matthäusevangelium erinnert: „Was immer ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan!“ Martin lässt sich nach dieser Begegnung als Jünger Jesu taufen.

Auf einem Feldzug an den Rhein bei Worms bittet Martin, der bereits mit 15 Jahren gegen seinen Willen zum Elitesoldaten ausgebildet wurde, den damaligen Kaiser Julian um die Entlassung aus dem Militärdienst: „Bis heute habe ich Dir gedient, gestatte nun, dass ich jetzt Gott diene. Ich bin ein Soldat Christi. Es ist mir nicht erlaubt, zu kämpfen.“ Obwohl Kaiser Julian diese Bitte lange Zeit ausschlägt, besudelt Martin sich – wie ein Kriegsdienstverweigerer – fortan nicht mehr mit dem Blut anderer und wird nach seiner Entlassung aus dem Militärdienst 351 zum Begründer des Mönchtums in der lateinischen Kirche. Fünf Jahre zieht er durch Europa: Auf seiner Wanderschaft bekehrt er am Fuße der Alpen eine Räuberbande, wird bei Mailand in der Folge von Glaubensstreitigkeiten vertrieben, stirbt beinahe an einer Lebensmittelvergiftung und bekehrt seine Mutter zum christlichen Glauben. Der Heilige gründet Einsiedeleien und wird zum Gründer des ersten Klosters in Westeuropa. Schon bald schließen sich ihm zahlreiche Brüder an. Er praktiziert strenge Askese, lebt also minimalistisch fern von jedem Luxus, wie wir heute sagen würden, und ist voller Hingabe ein Mensch des Gebetes. Zutiefst ist Martin davon überzeugt, dass Gott die Kraftquelle des Lebens ist. In seiner tiefen Liebe zu Gott erkennt er die Nöte seiner Mitmenschen und wendet sich ihnen liebevoll zu. Zahlreiche Heilungen und sogar Totenerweckungen werden ihm zugeschrieben. Wen wundert es deshalb, dass er – gegen den heftigen Widerstand damaliger Bischöfe, die ihn aufgrund seiner bescheidenen Lebensweise eines Bischofs unwürdig finden – durch die Stimme der damaligen Bevölkerung (sie übte auf Bischofsernennungen damals offensichtlich einen größeren Einfluss aus als heute) im Jahr 372 Bischof von Tours wird. Als Bischof hat es Martin nicht leicht. Er lebt als Bischof – ganz im Sinne einer armen Kirche – angeblich in einer Holzhütte vor der Stadtmauer von Tours. Heftig protestiert er beim Kaiser, als Bischof Priscillian und dessen Gefolgsleute, die für eine strikte Trennung von Staat und Kirche eintreten, im Jahr 383 in Trier öffentlich hingerichtet werden. Um diese Barbarei nicht billigen zu müssen, zieht er sich lieber zurück und verweigert einigen Bischöfen deswegen sogar zeitweise die eucharistische Gemeinschaft. Martin stirbt 397 im hohen Alter von 81 Jahren und wird als erster Christ nicht aufgrund seines Martyriums, sondern aufgrund seiner Lebensgeschichte heiliggesprochen.

Martin von Tours ist für mich der Prototyp eines Heiligen, ein glaubwürdiger Menschenfreund und Kämpfer für die frohe Botschaft Jesu, weil er erstens trotz Widerwärtigkeiten aus der lebensspendenden und heilenden Kraft Gottes lebte, zweitens gegen den Strom der breiten Masse schwamm, drittens ohne Wenn und Aber seinen Reichtum mit anderen teilte und so zum Anwalt der Armen wurde, viertens sich gegen die Gewalt gegenüber Andersdenkenden aussprach und fünftens Friedensstifter war.

(7. November 2016, Dr. Markus Schwer)

 

 

Impuls zur Woche

Sankt Nikolaus

Auf der Internetplattform des Bonifatiuswerks „Weihnachtsmannfreie Zone“ lesen wir von der Moderatorin Nina Ruge: „Nikolaus finde ich gut, denn er ist ein wahrer Freund der Kinder! Im Gegensatz zum Weihnachtsmann möchte er den Kindern inneren Reichtum schenken – und sie nicht dazu verführen, ausschließlich nach dem äußeren Wohlstand zu streben.“

Neben dem Heiligen Martin (11. November) gehört der Heilige Nikolaus (6. Dezember) wahrscheinlich zu den bekanntesten Heiligengestalten des christlichen Glaubens, der wie Martin von Tours kirchenübergreifend verehrt wird. Insbesondere der Heilige Nikolaus löst im Advent bei Millionen von Menschen weihnachtliche Gefühle aus. Wenn ich am 6. Dezember wieder als Bischof Nikolaus für die Kolpingfamilie Esslingen unterwegs sein werde, sehe ich leuchtende Kinderaugen vor mir. Wie stolz sind Kinder, wenn sie Gedichte über den Heiligen Nikolaus aufsagen können und von ihm beschenkt werden.

Werner Metzger, ein Experte des Nikolauslebens, schreibt in seinem Buch „Sankt Nikolaus – Zwischen Kult und Klamauk“: „Die „verschiedenen Überlieferungsstränge, aus denen sich das Bild des heiligen Nikolaus als Wundertäter – griechisch ‚thaumaturgos‘ nach und nach zusammenfügte, sind höchst kompliziert ineinander verschlungen und heute nur noch von Spezialisten zu entwirren.“ Es könnte nach Metzger durchaus sein, dass Nikolaus von Myra zurzeit Kaiser Konstantins im 4. Jahrhundert lebte. Bis heute wird angenommen, dass er Teilnehmer des 1. Ökumenischen Konzils in Nicäa (325 n. Chr.) war, wo die Ursprünge des kirchlich überlieferten Glaubensbekenntnisses liegen. Die Gebeine des Heiligen ruhen seit 1082 in Bari (Apulien, Italien). Die stärkste Verehrung erfuhr dieser Volksheilige seit dem 8. Jahrhundert in Russland, dessen Patron er ist. Noch heute sind dort viele Kirchen nach ihm benannt. Bischof Nikolaus ist außerdem der Schutzpatron der Schiffer.

Dieser Volksheilige gehört für mich zu den frühkirchlichen Prototypen des christlichen Glaubens. All die Erzählungen über ihn machen deutlich, dass er ein dienender Bischof war, der Menschen bis heute zum Teilen motiviert. Trotz der tragischen Verwechslung seiner Person mit der Werbefigur des Weihnachtsmannes steht er für den Wert, dass es nicht in erster Linie um unser eigenes Wohlergehen geht, sondern um das Wohlergehen aller. Als Christen haben wir die Pflicht, wie Nikolaus mit offenen Augen die Nöte unsere Mitmenschen wahrzunehmen und uns mit den Armen unserer Zeit solidarisch zu verhalten.

(5. Dezember 2016, Dr. Markus Schwer)

Impuls zur Woche

Kirchenreform ohne Spiritualität verflacht

Der Mainzer Kardinal Karl Lehmann hat den „inneren Zusammenhang zwischen Kirchenreform und Spiritualität” hervorgehoben. Wenn dieser nicht beachtet werde, sei „die Gefahr der Verflachung der Reformanliegen sehr groß“, sagte Lehmann in der Evangelischen Akademie Tutzing. Dies sei „am Ende auch ein Grund, warum viele Reformprozesse bald ermüden und versiegen“. Die kirchliche Konzeption von Reformen dürfe nicht nur auf institutionelle und strukturelle Veränderungen hinauslaufen. „Die Umkehr muss sich in der Ganzheit des Lebens bewähren“, so der emeritierte Bischof von Mainz und frühere Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz. (Kath. Sonntagsblatt Nr. 50 / 11.12.2016)

Impuls zur Woche

Die Passionszeit gestalten

In meiner Kindheit wurden die beiden Wochen vor Ostern „Passionszeit“ genannt. Der 5. Fastensonntag war der Erste, der Palmsonntag der Zweite Passionssonntag. Die mit der Liturgiereform nach dem Konzil aufgehobene Bezeichnung habe ich persönlich nie aufgegeben. Bis heute ist für mich die Passionszeit eine Steigerung und Intensivierung der österlichen Bußzeit, wobei ich mich neuen Entwicklungen nicht verschlossen habe.

Dass am 5. Fastensonntag, dem sogenannten MISEREOR-Sonntag, die jährliche Fastenaktion ihren Höhepunkt erfährt, ist für meine Gestaltung der ersten Passionswoche ganz wichtig. Das lateinische Wort Misereor bedeutet: „Ich erbarme mich“. Ich fühle mich am Beispiel konkreter Menschen in die unbeschreibliche Not von Millionen Menschen ein, die buchstäblich am Verhungern und deren Lebensbedingungen menschenunwürdig sind. In diesem Jahr stehen Hilfsprojekte für Menschen in Burkina Faso im Mittelpunkt. Eine Woche lang lasse ich mich von den kreativen MISEREOR-Impulsen anregen. In der zweiten Passionswoche, der Karwoche, wendet sich mein Blick dem Leiden Jesu zu. Ich meditiere die Leidensgeschichten der vier Evangelisten, die gerade in ihrer Unterschiedlichkeit ein Verständnis dafür wachsen lassen, was die in letzter Treue zu Gott gelebte Hingabe Jesu am Kreuz für uns heute bedeuten kann: in der eigenen Hingabe zu Jüngerinnen und Jüngern Jesu zu werden.

(03. April 2017, Wolfgang Kramer)

Impuls zur Woche

"Es muss feste Bräuche geben"

Wenn ich abends zu Haus bin, schaue ich regelmäßig die „Tagesthemen“ an. Wenn einer mir mit einem anderen Programmwunsch dazwischen grätscht, reagiere ich säuerlich. Als meine Kinder noch zu Hause lebten, starteten wir jeden Samstag mit frischen Brötchen und Brezeln in das Wochenende. Und es gab keinen Palmsonntag, an dem nicht der „Palmesel“, der als letzter aus den Federn kam, liebevoll auf die Schippe genommen wurde. Beim Gottesdienst nahmen wir mit selbst gebastelten Palmbüscheln an der Palmprozession teil.

„Es muss feste Bräuche geben“, gibt der Fuchs dem „Kleinen Prinz“ in Saint-Exupérys gleichnamigem Märchen zu verstehen. Zur Begründung gibt er an, dass dies etwas ist, „das einen Tag vom anderen unterscheidet“. Immer im selben Trott durch das Jahr gehen, ohne Unterbrechung, ohne Höhepunkte, auf die man sich freuen kann, macht das Leben eindimensional, farblos, langweilig. Unsere Seele braucht festliche Momente und Zeiten, die den Alltag durchbrechen und erhellen, die zu innerer Sammlung und Ruhe führen, aber auch kreatives Tun und lustvolles Genießen ermöglichen.

Bräuche und Rituale aus der Tradition lassen sich im Kontext heutigen Verstehens mit viel Phantasie und Kreativität umgestalten, neue können hinzukommen. Dass die Kirchen gerade in diesem Bereich voneinander gelernt haben, ist erfreulich.

(10. April 2017, Wolfgang Kramer)

Impuls zur Woche

Innere Gewissheit

Laut einer Umfrage des evangelischen Monatsmagazins „chrismon“ glaubt die Mehrheit der Menschen in Deutschland nicht an ein Leben nach dem Tod. Im Alter nimmt dieser Glaube immer mehr ab: Nur zwölf Prozent der Menschen über 60 erwarten eine Wiederbegegnung mit Verwandten und Freunden. Nach jahrzehntelanger Seelsorgeerfahrung stellt sich mir die Frage: Haben diese Menschen ein Leben vor dem Tod gehabt, das wesentlich war? Haben sie sich intensiv mit dem Thema „Sterben und Tod“ auseinandergesetzt, was der Tiefenpsychologe C.G. Jung als Voraussetzung dafür ansieht, dass die zweite Lebenshälfte gelingen kann?

 

Von meinen theologischen, philosophischen und humanwissenschaftlichen Studien her, vor allem aber von meiner Nahtoderfahrung und von zahlreichen Sterbebegleitungen her ist der Osterglaube, der ja unsere Auferstehung mit meint, in der Erfahrung und spirituellen Durcharbeitung meines konkreten Lebens in Höhen und Tiefen zu einer inneren Gewissheit für mich geworden. Der springende Punkt ist, dass diese innere Gewissheit eine Wahrheit für mich ist, die nicht vom Kopf her wissenschaftlich vermittelbar, sondern Frucht eines lebenslangen Suchprozesses ist. Wer sich dabei am Lebensweg Jesu orientiert, dem gehen ständig neue Lichter auf und die Gewissheit wächst, dass unsere personale Existenz eine Wirklichkeit ist, die der Tod nicht zerstören kann. Dieses Geheimnis des Glaubens an Ostern zu feiern, ist Freude pur.

 

(17. April 2017, Wolfgang Kramer)

Impuls zur Woche

Wer heilt, hat Recht

Neulich war ich bei einem Ärztekongress zum Thema „Wer heilt, hat Recht?“ Diesem Diktum wurde nicht widersprochen. Ein wichtiger Baustein, der den Erfolg bei allen therapeutischen Maßnahmen beeinflussen kann, wurde in der Kommunikation zwischen Arzt und Patient gesehen. Was bei der Vielzahl der Vorträge völlig fehlte, war die Perspektive des Glaubens. Spirituelle Inhalte blieben außerhalb des Blickfeldes. Als ich dies bemängelte, bekam ich zur Antwort, dass die Kirchen in ihrer Gesamtwirklichkeit die Menschen von heute kaum noch erreichen könnten. Es folgte eine ganze Liste von berechtigten Kritikpunkten, aber auch von gängigen Vorurteilen.

 

Eugen Biser, der 2014 verstorbene katholische Religionsphilosoph, hat immer betont, dass die Kirche von der Heilsbotschaft Jesu her Heilsgemeinschaft sei und die Heilkraft des Glaubens entschieden in die Mitte ihrer Verkündigung und kirchlichen Praxis stellen müsse. Von daher wäre es Zeit, die Kirche und ihre Pastoral so umzugestalten, dass diese Neuakzentuierung fruchtbar würde. Für mich bedeutet das: Wir müssen auch von Strukturen Abschied nehmen, die die so notwendige Neuevangelisierung behindern. Auch hier gilt: Wer heilt, hat Recht. Sprich: Allein an ihrer Fruchtbarkeit lassen sich die Neuaufbrüche messen.

 

(24. April 2017, Wolfgang Kramer)

Impuls zur Woche

Die Jugend gewinnen

Die Entscheidung ist mir schwergefallen, den Abendmahlsgottesdienst am Gründonnerstag ausfallen zu lassen. Ich zog es vor, ein Gothik-Rockkonzert in einem Jugendhaus zu besuchen, das an diesem Abend zum Gedenken an einen durch einen tragischen Unglücksfall verstorbenen Jugendlichen stattfand. Der Verstorbene war ein engagierter Mitarbeiter des Jugendhauses gewesen. Ich war beauftragt, die Beerdigung mit ca. 400 Trauergästen – die Hälfte davon waren Jugendliche – zu gestalten.

Was ich an diesem Abend erlebte, hat mich überrascht. Die Musik, von drei Gruppen vorgetragen, war mir bisher fremd. Jetzt habe ich sie – wenigstens ein Stück weit – verstanden. Ich habe sie gehört als ein Aufschrei für das Leben, als eine große Sehnsucht nach Geborgenheit und Gemeinschaft, als dringender Wunsch, als junger Mensch wertgeschätzt zu werden. Berührt hat mich, dass ich als „Grufty“ wahrgenommen und ernstgenommen wurde. Zum Beispiel besorgte man mir einen Stuhl – alle anderen standen – sowie ein Getränk in der Hitze des Konzertes. Man stellte mir Fragen, auch zur Beerdigung. Ich fühlte mich zunehmend als Vertreter einer „Kirche am Ort“ und gestärkt durch Papst Franziskus, der neulich gefordert hatte, auf die Jugendlichen zuzugehen, auch auf die von der Kirche weit entfernten. Und das nicht nur, um sie für Christus und die Kirche zu gewinnen.

(1. Mai 2017, Wolfgang Kramer)