Kirchenvisionen: Dietrich Bonhoeffer und Alfred Delp

Dietrich Bonhoeffer - evangelischer Theologe und Pfarrer - und Alfred Delp - katholischer Priester und Mitglied des Jesuitenordens - haben nicht nur zur selben Zeit gelebt, sondern sie engagierten sich - jeder auf seine Weise - im deutschen Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Beide entwickelten Visionen für eine zukünftige, den Menschen zugewandte Gestalt der Kirche, beide blieben ihren Überzeugungen treu und starben - durch die Nationalsozialisten hingerichtet - den Märtyrertod.

Im Folgenden werden neben der jeweiligen Kurzbiografie Bonhoeffers und Delps zwei bekannt gewordene Texte wiedergegeben, in denen das Anliegen dieser beiden Glaubenspersönlichkeiten besonders deutlich wird: das Verbindende für ein ökumenisches Miteinander der Kirchen und das für eine zukünftige Kirchengestalt Visioäre.

Dietrich Bonhoeffer (1906 - 1945)

Dietrich Bonhoeffer wurde am 4. Februar 1906 in Breslau geboren und war als lutherischer Theologe ein profilierter Vertreter der Bekennenden Kirche, welcher sich aktiv am deutschen Widerstand gegen den Nationalsozialismus beteiligte. Mit 24 Jahren habilitiert, wurde Bonhoeffer nach Auslandsaufenthalten Privatdozent für Evangelische Theologie in Berlin sowie Jugendreferent in der Vorgängerorganisation des Ökumenischen Rates der Kirchen. Ab April 1933 nahm er öffentlich Stellung gegen die nationalsozialistische Judenverfolgung und engagierte sich im Kirchenkampf gegen die Deutschen Christen und den Arierparagraphen. Ab 1935 leitete er das Predigerseminar der Bekennenden Kirche in Finkenwalde, das – später illegal – bis 1940 bestand. Etwa ab 1938 schloss er sich dem Widerstand um Wilhelm Franz Canaris an. Im Jahr 1940 erhielt er Redeverbot und 1941 zudem Schreibverbot. Am 5. April 1943 wurde er verhaftet und zwei Jahre später auf ausdrücklichen Befehl Adolf Hitlers als einer der letzten NS-Gegner, die mit dem Attentat vom 20. Juli 1944 in Verbindung gebracht wurden, am 9. April 1945 im KZ Flossenbürg hingerichtet.

Als gegenüber seinen Lehrern eigenständiger Theologe betonte Bonhoeffer die Gegenwart Jesu Christi in der weltweiten Gemeinschaft der Christen, die Bedeutung der Bergpredigt und Nachfolge Jesu und die Übereinstimmung von Glauben und Handeln, die er persönlich vorlebte, insbesondere in der Zeit des Nationalsozialismus. In seinen Gefängnisbriefen entwickelte er einflussreiche, wenn auch fragmentarische Gedanken für eine künftige Ausrichtung der Kirche nach außen in Solidarität mit den Bedürftigen und zu einer nichtreligiösen Interpretation von Bibel, kirchlicher Tradition und Gottesdienst.

Weitere Informationen: www.dietrich-bonhoeffer.net

Bonhoeffer: Gedanken zum Tauftag von D.W.R. Bethge (Mai 1944)

Du wirst heute zum Christen getauft. Alle die alten großen Worte der christlichen Verkündigung werden über Dir ausgesprochen und der Taufbefehl Jesu Christi wird an Dir vollzogen, ohne dass Du etwas davon begreifst. Aber auch wir selbst sind wieder ganz auf die Anfänge des Verstehens zurückgeworfen. Was Versöhnung und Erlösung, was Wiedergeburt und Heiliger Geist, was Feindesliebe, Kreuz und Auferstehung, was Leben in Christus und Nachfolge Christi heißt, das alles ist so schwer und so fern, dass wir es kaum mehr wagen, davon zu sprechen. In den überlieferten Worten und Handlungen ahnen wir etwas ganz Neues und Umwälzendes, ohne es noch fassen und aussprechen zu können. Das ist unsere eigene Schuld. Unsere Kirche, die in diesen Jahren nur um ihre Selbsterhaltung gekämpft hat, als wäre sie ein Selbstzweck, ist unfähig, Träger des versöhnenden und erlösenden Wortes für die Menschen und für die Welt zu sein. Darum müssen die früheren Worte kraftlos werden und verstummen, und unser Christsein wird heute nur in zweierlei bestehen: im Beten und im Tun des Gerechten unter den Menschen. Alles Denken, Reden und Organisieren in den Dingen des Christentums muss neugeboren werden aus diesem Beten und diesem Tun. Bis Du groß bist, wird sich die Gestalt der Kirche sehr verändert haben. Die Umschmelzung ist noch nicht zu Ende, und jeder Versuch, ihr vorzeitig zu neuer organisatorischer Machtentfaltung zu verhelfen, wird nur eine Verzögerung ihrer Umkehr und Läuterung sein. Es ist nicht unsere Sache, den Tag vorauszusagen – aber der Tag wird kommen –, an dem wieder Menschen berufen werden, das Wort Gottes so auszusprechen, dass sich die Welt darunter verändert und erneuert. Es wird eine neue Sprache sein, vielleicht ganz unreligiös, aber befreiend und erlösend, wie die Sprache Jesu, dass sich die Menschen über sie entsetzen und doch von ihrer Gewalt überwunden werden, die Sprache einer neuen Gerechtigkeit und Wahrheit, die Sprache, die den Frieden Gottes mit den Menschen und das Nahen seines Reiches verkündigt. „Und sie werden sich verwundern und entsetzen über all dem Guten und über all den Frieden, den ich ihnen geben will“ (Jerem. 33,9). Bis dahin wird die Sache der Christen eine stille und verborgene sein; aber es wird Menschen geben, die beten und das Gerechte tun und auf Gottes Zeit warten. Möchtest Du zu ihnen gehören und möchte es einmal von Dir heißen: „Des Gerechten Pfad glänzt wie das Licht, das immer heller leuchtet bis auf den vollen Tag“ (Sprüche 4,18).

Quelle: BONHOEFFER, Dietrich: Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft. Hg. von Eberhard Bethge. Gütersloh, 16. Aufl. 1997, 156f.

PDF: Bonhoeffer-Taufwunsch

Alfred Delp (1907 - 1945)

Alfred Delp wurde am 15. September 1907 in Mannheim geboren und trat 1926 dem Jesuitenorden bei, für den er in München tätig war. Innerhalb des »Kreisauer Kreises«, einer Gruppe von Intellektuellen und Politikern, die in Opposition zum Nationalsozialismus standen, entwickelte er Gedanken zu einer künftigen Gesellschaftsordnung. In Verbindung mit dem Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 wurden die Mitglieder des Kreises - darunter Alfred Delp - verhaftet und angeklagt. Die Tatsache, dass er zu den Männern des Widerstandes Kontakte hatte und sich als Soziologe mit einer neuen demokratischen Ordnung in Deutschland befasste, wurde als schweres Verbrechen angesehen. Wegen seiner Zugehörigkeit zum »Kreisauer Kreis«, wegen seiner Treue zur Kirche und zum Orden, sowie seiner Vision einer menschlichen und sozialen Gesellschaft wurde er durch den Volksgerichtshof unter dessen Präsidenten Roland Freisler wegen Hoch- und Landesverrats zum Tod durch den Strang verurteilt. Am 2. Februar 1945 wurde er in Berlin-Plötzensee gehängt, seine Asche auf Befehl Hitlers verstreut.

In seinem zu großer Bekanntheit gelangten Text „Schicksal der Kirchen“ bezieht sich Delp besonders auf die Ökumene und den diakonischen Grundvollzug der Kirche.

Delp: Schicksal der Kirchen

[...] Von zwei Sachverhalten wird es abhängen, ob die Kirche noch einmal einen Weg zu diesen Menschen finden wird. Das eine gleich vorweg: dies ist so selbstverständlich, dass ich es gar nicht weiter eigens aufzähle. Wenn die Kirchen der Menschheit noch einmal das Bild einer zankenden Christenheit zumuten, sind sie abgeschrieben. Wir sollen uns damit abfinden, die Spaltung als geschichtliches Schicksal zu tragen und zugleich als Kreuz.

Der eine Sachverhalt meint die Rückkehr der Kirchen in die „Diakonie“: in den Dienst der Menschheit. Und zwar in einen Dienst, den die Not der Menschheit bestimmt, nicht unser Geschmack oder das Consuetudinarium einer noch so bewährten kirchlichen Gemeinschaft. „Der Menschensohn ist nicht gekommen, sich bedienen zu lassen, sondern zu dienen“ (Mk 10,45). Man muss nur die verschiedenen Realitäten kirchlicher Existenz einmal unter dieses Gesetz rufen und an dieser Aussage messen, und man weiß eigentlich genug. Es wird kein Mensch an die Botschaft vom Heil und vom Heiland glauben, solange wir uns nicht blutig geschunden haben im Dienste des physisch, psychisch, sozial, wirtschaftlich, sittlich oder sonstwie kranken Menschen. [...]

Rückkehr in die „Diakonie“ habe ich gesagt. Damit meine ich das Sich-Gesellen zum Menschen in allen seinen Situationen mit der Absicht, sie ihm meistern zu helfen, ohne anschließend irgendwo eine Spalte und Sparte auszufüllen. Damit meine ich das Nachgehen und Nachwandern auch in die äußersten Verlorenheiten und Verstiegenheiten des Menschen, um bei ihm zu sein genau und gerade dann, wenn ihn Verlorenheit und Verstiegenheit umgeben. „Geht hinaus“ hat der Meister gesagt, und nicht: „Setzt euch hin und wartet, ob einer kommt.“ Damit meine ich die Sorge auch um den menschentümlichen Raum und die menschenwürdige Ordnung. Es hat keinen Sinn, mit einer Predigt- und Religionserlaubnis, mit einer Pfarrer- und Prälatenbesoldung zufrieden die Menschheit ihrem Schicksal zu überlassen. Damit meine ich die geistige Begegnung als echten Dialog, nicht als monologische Ansprache und monotone Quengelei.

Dies alles wird aber nur verstanden und gewollt werden, wenn aus der Kirche wieder erfüllte Menschen kommen. Pléroma, die Fülle: das Wort ist wichtig für Paulus (Kol 2,9). Ist noch wichtiger für unser Anliegen. Die erfüllten Menschen, nicht die heilsängstlichen oder pfarrerhörigen erschreckten Karikaturen. Die sich wieder wissen als Sachwalter und nicht nur Sachwalter Christi, sondern als die, die gebetet haben mit aller Offenheit: fac cor meum secundum cor tuum. Ob die Kirchen den erfüllten, den von den göttlichen Kräften erfüllten, schöpferischen Menschen noch einmal aus sich entlassen, das ist ihr Schicksal. Nur dann haben sie das Maß von Sicherheit und Selbstbewusstsein, das ihnen erlaubt, auf das dauernde Pochen auf „Recht“ und „Herkommen“ usw. zu verzichten. Nur dann haben sie die hellen Augen, die auch in den dunkelsten Stunden die Anliegen und Anrufe Gottes sehen. Und nur dann schlagen in ihnen die bereiten Herzen, denen es gar nicht darum geht, festzustellen, wir haben doch Recht gehabt; denen es nur um eines geht: im Namen Gottes zu helfen und zu heilen.

Aber wie dahin kommen? [...] Die christliche Idee ist keine der führenden und gestaltenden Ideen dieses Jahrhunderts. Immer noch liegt der ausgeplünderte Mensch am Wege. Soll der Fremdling ihn noch einmal aufheben? Man muss, glaube ich, den Satz sehr ernst nehmen: was gegenwärtig die Kirche beunruhigt und bedrängt, ist der Mensch. Der Mensch außen, zu dem wir keinen Weg mehr haben und der uns nicht mehr glaubt. Und der Mensch innen, der sich selbst nicht glaubt, weil er zu wenig Liebe erlebt und gelebt hat. Man soll deshalb keine großen Reformreden halten und keine großen Reformprogramme entwerfen, sondern sich an die Bildung der christlichen Personalität begeben und zugleich sich rüsten, der ungeheuren Not des Menschen helfend und heilend zu begegnen.

[...] Die Kirche muss sich selbst viel mehr als Sakrament, als Weg und Mittel begreifen, nicht als Ziel und Ende. [...]

Quelle: DELP, Alfred: Im Angesicht des Todes. Geschrieben zwischen Verhaftung und Hinrichtung 1944 – 1945. Freiburg 1958, 101-106.

PDF: Schicksal der Kirchen